Camino Tag achtzehn

Morgens um halb fünf liess ich mich wecken. Heute sollte mein Leichtwander- Tag sein. Das Gepäck habe ich ganz nach der Luxusmanier hier auf dem Camino per Kurier vorausschicken lassen.

Schlappe fünf Euro kostet der Spass hier. Und Spass war es denn auch, so mit Wasserflasche, Sonnenbrille und Sackmesser im Beutel loszumarschieren.

Ich konnte ein für mich unglaubliches Tempo laufen. Es fühlte sich schon fast an wie fliegen! Zumindest die ersten fünfzehn Kilometer hatte ich überhaupt keine Mühe das hohe Tempo zu halten. Erst danach spürte ich erste Anzeichen der Ermüdung.

Keiner hat mich heute überholen können. Einer hat versucht mein Tempo trotz seines Rucksacks zu halten. Eine Zeitlang hörte ich Ihn hinter mir keuchen und husten. Dann fiel er langsam zurück.

Zwei Stunden später machte ich meine erste Pause. Gerade als ich mein Frühstück bekam, kam er in das Restaurant geplatzt. Als er mich sah, blickte er hocherhobenen Hauptes weg. Er kaufte ein paar Früchte und stürzte wieder aus dem Laden. Ich hatte wohl an seinem Ego gekratzt.

Kurz vor meinem Tagesziel unterhielt ich mich mit einem Pilger der mir schon zuvor einmal aufgefallen war. Er sass vor einem kleinen Lebensmittel Laden in dem ich mir gerade was zu trinken geholt hatte.

Ich setzte mich zu Ihm und meine erste Frage war natürlich woher er komme. Aus Polen beschied er mir. Er bot mir aus einer Grosspackung einen feinen Eisstengel an. Zu viele für Ihn meinte er.

Dann erzählte er mir voller Stolz seine Geschichte. Seit 2700 km sei er nun unterwegs. Die Schweiz habe er umgangen, viel zu teuer meinte er. Frankreich sei toll gewesen und günstig. Nach meinen Erfahrungen diesbezüglich mit Frankreich fragte ich mich schon ob er echt dort durchgewandert ist.

Dann erklärte er mir er sei Katholisch und dieser Weg sei wichtig für Ihn. Es sei gar die Erfahrung seines Lebens meinte er. Schön für dich dachte ich und fragte mich schon ein wenig was Glaube mit laufen zu tun hat. Aber das scheint der tiefere Zweck des Jakobsweges zu sein für viele.

Ich habe Verständnis für derlei Gefühle, kann sie aber irgendwie nicht teilen. Ich laufe hier nicht um zu einem Gott oder zu mir selbst zu finden. Für mich liegt der Sinn darin die grandiose Natur zu erleben. Sich Zeit zum Nachdenken zu nehmen. Das Leben zu spüren und dankbar sein dafür wie es ist. Gute Gespräche mit Menschen zu haben. Einfach Zeit haben, sich Zeit nehmen, anhalten, staunen, darüber schreiben was ich fühle und erlebe.

Das ist es was mich dazu treibt zu wandern. Das ist für mich der Sinn im ganzen. Sich treiben lassen in einer Zeit in der wir alle getrieben werden. Ich wünschte mir alle dürften das einmal in Ihrem Leben erfahren. Es gäbe mehr Verstehen und mehr Freude auf dieser Welt.

Darum fühlt es sich für mich falsch an sich wieder von andern sagen zu lassen was denn nun der Sinn auf diesem Weg zu sein habe. Das ist einzig und allein Sache eines jeden einzelnen. Sonst ist man wieder nicht frei und läuft der Idealvorstellung anderer nach. Ich glaube genau das ist nicht der tiefere Sinn des Camino überhaupt des Zufuss unterwegs seins.

Genug philosophiert, es ist mal wieder mit mir durchgegangen 😊 Ich war einfach gerade in Stimmung nach dem Gespräch mit diesem Pilger und musste meine Gedanken dazu mal geschrieben stehen sehen. Ich glaube es einigermassen richtig formuliert zu haben was ich empfinde.

Wenns Euch zu gefühlsduselig gewesen sein sollte, dürft Ihr mir das ruhig schreiben. Oder mir sagen wie Ihr das seht. Es würde mich schon interessieren.

Damit lasse ich Euch für heute in Ruhe und wünsche euch selbige am heutigen Abend. Tschüss liebe Leser, bis wenn Ihr Zeit und Lust habt morgen. 🌹

Euer Swiss

2 Kommentare zu „Camino Tag achtzehn“

  1. Lieber Roli
    Ich lese jeden Tag deine interessanten Berichte von deiner Wanderung auf dem Jakobsweg. Dieser Weg hat sehr viel mit dem Glauben (hauptsächlich für Katholiken) zu tun. Im Mittelalter haben sich viele Menschen als Busse für ihre Sünden und Hoffnung auf Vergebung auf den Jakobsweg begeben, oder sie haben diese Strapazen auf sich genommen als Dank für eine Gottesgabe. Ich habe sehr viel Literatur über das Mittelalter gelesen, wo immer wieder der Jakobsweg im Zusammenhang mit dem Glauben vorgekommen ist. Ich kann mir vorstellen, dass es heute noch Menschen gibt, welche eine Wanderung auf dem Jakobsweg als Busse für eine Sünde oder als Dank an Gott auf sich nehmen.
    Ich wünsche dir weiterhin viel Freude auf dem Jakobsweg und hoffe, dass du wieder gesund und mit vielen positiven Erinnerung an diese Zeit nach Hause kommst.
    Liebe Grüsse
    Christine Stähli

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    1. Dieser Umstand war mir von Anfang an klar. Die Kirche ist und war immer darauf spezialisiert alles für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Es gab ja auch den Schuldenerlass gegen eine Spende. Oder die Beichte. Nur leider hinderte das zu keiner Zeit die Menschen daran Böses zu tun. Ich sage ja nicht, dass ich diese Leute nicht verstehe. Es ist einfach so, dass ich finde das jeder Pilger das Recht hat den Sinn in seiner Wanderung selbst zu bestimmen. Es ist heute in unserer Gesellschaft üblich dem andern wenn möglich seine Sicht der Dinge aufzuzwingen. Diese Wanderung kann etwas besonderes sein sofern man sich nicht vorschreiben lässt was das sein soll. Nicht was man schlechtes getan hat soll damit wieder gut gemacht werden. Sondern das beste was meiner Meinung nach passieren kann ist, dass man etwas über sich selber lernt und geduldiger, toleranter, gelassener wird. Kurz gesagt versucht es in Zukunft besser zu machen. Das ist für mich der tiefere Sinn der in solchem tun stecken sollte.

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